Impulse zum Sonntag

Jesus ich vertraue auf Dich!

Ein Impuls zum „Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit“ von Pfarrer Frank Ludger Bakenecker


Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2016? Papst Franziskus hatte das Jahr 2016 zum „Heiligen Jahr“ - zum ‚Jahr der Barmherzigkeit‘ ausgerufen. Dieses Jahr sollte den Menschen die Barmherzigkeit und Liebe Gottes wieder und neu in Erinnerung rufen. Es sollte aber auch uns Christen zu barmherzigen, nachsichtigen und umsichtigen Menschen machen.

Was ist davon geblieben? Der von Papst Johannes Paul II. am 30. April 2000 heiliggesprochenen Schwester Maria Faustyna Kowalska ist es zu verdanken, dass der Sonntag nach Ostern der ‚Göttlichen Barmherzigkeit‘ gewidmet ist. In einer Vision hat Schwester Faustyna von Jesu Christi folgende Worte empfangen: „Male ein Bild, nach dem, was du siehst, mit der Unterschrift: Jesus, ich vertraue auf Dich! Ich wünsche, dass dieses Bild verehrt wird,… Ich verspreche, dass jene Seele, die dieses Bild verehrt, nicht verloren geht…. Schreibe folgendes: … bevor ich als gerechter Richter kommen werde, komme ich als König der Barmherzigkeit…und den Menschen wird folgendes Zeichen am Himmel gegeben werden: Alles Licht am Himmel erlischt und große Finsternis wird auf der ganzen Erde sein. Dann erscheint ein Zeichen des Kreuzes am Himmel und aus den Öffnungen, wo die durchbohrten Hände und Füße des Erlösers waren, werden große Lichter fluten, die eine Zeitlang die Erde beleuchten. Das wird kurz vor dem Jüngsten Tag geschehen." Vielleicht mögen diese Worte und die Vorstellungen daran fremd und „unwirklich“ klingen. Mir machen sie Mut und geben mir Zuversicht in Zeiten des Terrors und der Christenverfolgung. Wir Christen bekennen im Glaubensbekenntnis: „…und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“. Es gibt nicht wenige Menschen, die bei der Betrachtung des (vielleicht „kitschig“ wirkenden) Bildes Ruhe, Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen spüren. Vielleicht lassen Sie sich einfach mal darauf ein und betrachten in Ruhe eine Zeitlang dieses Bild und sprechen am Ende den Satz:


Jesus, ich vertraue auf dich!



Hochfest der Auferstehung des Herrn

Gedanken von Propst Hans-Bernd Serries


Es gibt Menschen – wir sehen es am Phänomen der Terroristen und Selbstmordattentäter –, die für ein falsches oder gar unrechtes Anliegen sterben, weil sie zu Unrecht, aber guten Glaubens meinen, dass es gut wäre. Auch der Tod Christi an sich gibt noch kein Zeugnis von der Wahrheit seines Anliegens, sondern nur von der Tatsache, dass er an dessen Wahrheit glaubte.

Der Tod Christi ist das höchste Zeugnis seiner Liebe, nicht aber seiner Wahrheit. Die Wahrheit wird auf angemessene Weise erst von seiner Auferstehung bezeugt. „Der Glaube der Christen“ – so sagt der heilige Augustinus – „ist die Auferstehung Christi. Es ist nichts Besonderes, daran zu glauben, dass Jesus gestorben ist; daran glauben auch die Heiden und alle anderen. Wahrhaft groß aber ist es zu glauben, dass er auferstanden ist.“

Das älteste Zeugnis für die Auferstehung in der Bibel ist das des Paulus. Es lautet so: „Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der ‚Missgeburt‘“ (1 Kor 15,3-8). Das Jahr, in dem diese Worte aufgeschrieben wurden, ist das Jahr 56 oder 57.

Der Kerninhalt dieser Zeilen ist allerdings schon in einem älteren Glaubensbekenntnis enthalten, von dem der heilige Paulus sagt, dass er es von anderen empfangen habe. Berücksichtigt man, dass Paulus diese Formulierungen nach seiner Bekehrung gehört hat, so können wir sie ungefähr auf das Jahr 35 datieren, das heißt sechs Jahre nach dem Tod Christi. Es handelt sich also um ein Zeugnis von seltenem historischen Wert.

Was ist das Ergebnis, zu dem die historische Forschung hinsichtlich der Auferstehung kommt? Wir können es den Worten der Emmausjünger entnehmen: Einige Jünger gingen am Ostermorgen zum Grab Jesu und fanden, dass die Dinge so waren, wie die Frauen, die vor ihnen hingegangen waren, es berichtet hatten – „aber ihn haben sie nicht gesehen“. Auch die Geschichte nähert sich dem Grab Jesu und muss feststellen, dass die Angelegenheit tatsächlich so ist, wie es die Zeugen gesagt haben. Ihn aber, den Auferstandenen, sieht sie nicht. Es reicht nicht, historische Feststellungen zu treffen; man muss den Auferstandenen sehen, und das kann die Geschichte nicht bewirken, sondern nur der Glaube.

Der Engel erschien den Frauen am Ostermorgen und sagte zu ihnen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5). Diesen Tadel des Ostermorgens können wir auch auf uns selbst beziehen, so, als wäre er direkt an mich gerichtet; als sagte der Engel zu mir: „Warum hältst du dich damit auf, unter den Toten menschliche Argumente der Geschichte zu suchen für den, der lebt und in der Kirche und in der Welt wirkt? Geh lieber, und sag deinen Brüdern und Schwestern, dass er auferstanden ist!“

Ich wünsche allen, die in diesen Tagen die Osterbotschaft hören und in Freude feiern, dass sie den Auferstandenen Christus erkennen und verkünden können. Frohe Ostern!


Propst Hans-Bernd Serries


Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen

Ein Impuls zum Karfreitag von Christian Peters

Jes 52, 13 - 53, 12
(Viertes Lied vom Gottesknecht)

Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. 
Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt. 
Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? 
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. 
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. 
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. 
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. 
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. 
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. 
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. 
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. 
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. 
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.


Herr Jesus Christus, Heiland und Erlöser, 
ich verneige mich in Ehrfurcht vor deinem Kreuz.
Ich will es betrachten und auf mich wirken lassen, 
damit ich wieder ein wenig besser begreife und mir zu Herzen nehme,
was du getan und gelitten hast und für wen du gelitten hast. 
Deine Gnade stehe mir bei, 
dass ich die Stumpfheit und Gleichgültigkeit meines Herzens abschüttle, 
dass ich wenigstens für kurze Zeit meinen Alltag vergesse,
damit meine Liebe, meine Reue und Dankbarkeit bei dir verweilen.

König der Herzen, deine gekreuzigte Liebe umfange
mein schwaches, armes, müdes und verdrossenes Herz.
Gib ihm ein innerliches Empfinden für dich. 
Wecke auf in mir, was ich in mir vermisse:
Anteilnahme an dir, Liebe zu dir, Ernst und Treue, 
die aushalten in der Betrachtung 
deines heiligen Leidens und Sterbens.
Karl Rahner

Foto: © Ch. Peters


Licht

Eine Kurzgeschichte zum Hochfest des Hl. Ludgerus
von Christa Johanna Gundt

Da war es wieder! Helgard spürte es deutlich, wenngleich ihre Augen allenfalls eine Art lichtvollen Schatten wahrnahmen. Eine Welle von Wärme und Liebe durchfuhr sie. Eben noch hatte sie durchnässt und halb erfroren in dem ausgehöhlten Stamm einer riesigen Eiche einen Platz für die Nacht gefunden. Diesen Ort fand sie auch in tiefster Nacht. Schon als Kinder hatten sie sich hier versteckt, im Spiel oder aus Angst vor einer zu erwartenden Strafe. Sie – das waren ihre Geschwister, die ältere Schwester Adelheid und ihre jüngeren Zwillingsbrüder Bodo und Bruno. Helgard zog das Tuch fest um die Schultern. Gern wollte sie das wärmende Licht festhalten, aber sie wusste, dass es nur wenige Augenblicke blieb. Sie erinnerte sich an ihr erstes Erlebnis, sie hatte es Lichtbesuch genannt. Zwölf Jahre alt war sie damals gewesen. Sie hatte die Ziegen gehütet und diese auch gut in den Stall gebracht. Als sie das Gatter schloss, war eine der Ziegen durchgeschlüpft und fortgelaufen. Helgard hatte hastig das Gatter geschlossen und war der Ziege gefolgt, die schon einen großen Vorsprung hatte. Das Biest sprang übermütig hin und her, über Gräben und Zäune. Helgard hatte Mühe, es nicht aus den Augen zu verlieren.
Plötzlich hörte sie raue Stimmen.
„Ja, was haben wir denn da? Schlagt mich tot, wenn das nicht unser Abendessen ist“. 
Helgard erstarrte vor Schreck. Sie duckte sich hinter einen dichten Schlehenbusch und sah mit Entsetzen, wie einige zerlumpte Männer das Tier umkreisten, es in die Enge trieben und schließlich packten. Die Ziege schrie jämmerlich, aber es nützte nichts. Einer der Männer zog ein Messer und schlitzte die Kehle des Tieres auf. 
Helgard wollte hinzustürzen, aber da war plötzlich dieses Licht, das in einem Schatten wohnte und keine Gestalt hatte, bei ihr gewesen. Von diesem Licht überflutet, wusste sie, dass sie im Versteck bleiben musste, damit ihr nichts Schlimmes widerfuhr. Sie kroch ein wenig tiefer ins Gebüsch, von dort aus vernahm sie, worüber die Männer, vielleicht Soldaten, sprachen.
„Sollen wir das Tier essen, oder sollen wir es den alten Göttern opfern?“, hörte sie eine tiefe Stimme fragen.
„Seit der Zerstörung der Irminsul, die König Karl zu brennen wagte, soll es keine Tieropfer mehr geben“, erwiderte eine ängstliche Stimme.
„Wir sind dem Blutgericht von Verden entkommen, über tausend Sachsen haben die Verweigerung der Taufe mit ihrem Blut bezahlt. Seit Jahren sind wir auf der Flucht. Das ist kein Leben mehr“, dieses Mal eine zornige Stimme. 
„Ich bin so hungrig, ich möchte mich einmal satt essen“, erklang nun eine sehr junge Stimme. Die Männer entfachten schweigend ein Feuer. 
Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen und Helgard hatte mühsam den Weg nach Hause gefunden, wo sie mit großer Sorge erwartet worden war. Sie erzählte ihren Eltern, was geschehen war, was sie belauscht hatte. Den Lichtbesuch verschwieg sie. Ihre Mutter hatte sie so fest in die Arme genommen, als ob sie sie nie mehr loslassen wollte.
Helgard kauerte sich tiefer in ihr Baumversteck. An den zweiten Lichtbesuch erinnerte sie sich nur verschwommen. 
Es war ein bitterkalter Tag im Januar gewesen. Alle Kinder erfreuten sich an der dicken Eisschicht des Teiches und glitten auf ihren Holzschuhen darauf. Helgard war die Wildeste von allen. Sie nahm immer wieder Anlauf und glitt weiter als alle anderen über die im Sonnenlicht glitzernde Fläche. Schließlich war sie allein auf dem Eis, die anderen Kinder waren nach und nach heimgegangen. Nur einmal wollte sie bis ans gegenüber liegende Ufer gleiten und dann erst nach Hause gehen. Am anderen Ufer gab es ein Eisloch, von dem sie nichts wusste. Sie nahm Anlauf - und da war es wieder! Ein sonderbares Licht flackerte auf dem Eis. Wieder diese Wärme!
Helgard änderte wie von selbst die Richtung, bremste ab und sah mit Schaudern ein tiefes Loch im dunklen Eis, in das sie um ein Haar gefallen wäre. Ihr fehlte bis heute die Erinnerung an das, was an jenem Abend gefolgt war. 
„Heute habe ich mich nur verlaufen“, murmelte Helgard. Die Eiche, die seit Menschengedenken und länger auf dem Hügel zwischen dem Stedeken Billurbecci und Coesfeld wuchs, bot ihr Schutz und Sicherheit in der Nacht. Dennoch ärgerte sich Helgard über sich selbst.
„Hätte ich doch besser auf den Weg geachtet. Immerhin hat sich das Licht bemüht, wie wohlig es mich wärmt“, fügte sie schläfrig hinzu und fiel augenblicklich in einen tiefen Schlaf. 
Als sie die Augen aufschlug, war es bereits heller Tag. Sie hörte Stimmen, eine alte müde Stimme, mehrere besorgte junge Stimmen. Vorsichtig lugte Helgard durch einen Rindenschlitz. Sie sah eine Gruppe von jungen Männern, die sich um einen älteren, gebrechlich wirkenden Mann scharten, der auf einer ausgebreiteten Decke saß und den Rücken an einen Baum ge-lehnt hatte. Zwei Pferde waren an einen kleineren Baum ge-bunden. Den erschöpften Mann hatte Helgard schon einmal ge-sehen, aber sie erinnerte sich nicht an die Zusammenhänge dieser Begegnung. 
Die jungen Männer trugen grobe Kutten, wie sie Mönche und Klosterbrüder hatten. Einer von ihnen reichte dem Kranken einen Becher.
„Trinkt ein wenig von dem Wein, er wird euch stärken, Liudger“.
Liudger, natürlich, fuhr es Helgard durch den Sinn. Jetzt wusste sie, wo sie den alten Mann gesehen hatte und um wen es sich handelte.
„Bischof Liudger“, flüsterte sie. Vor ihren Augen entstand das Bild ihrer Taufe. Liudger hatte sie, ihre Eltern und Ge-schwister und viele andere in der kleinen Nikolauskirche in Billurbecci getauft. Er hatte auf seiner Missionsreise zu den Einwohnern des Städtchens gesprochen, die sich noch den alten Göttern verbunden fühlten. Viele Menschen im Stedeken waren bereits Christen und hatten mit Liudger die Nikolauskirche errichtet. Helgard und ihre Eltern waren der neuen Lehre gegenüber skeptisch gewesen, zumal sie wussten, mit welchem Schrecken und mit welcher Gewalt Karl der Große, die Sachsen bekehren ließ. Von Bekehrung konnte eigentlich nicht die Rede sein, denn jeder, der sich widersetzte, wurde getötet. Schließlich hatte sogar der stolze Sachsenherzog Widukind die Taufe empfangen und den Treueeid auf Karl geschworen. Eben dieser König Karl, gegen den es auch in den Baum-bergen starken Widerstand gab, hatte Liudger ins Münsterland gesandt. 
„Wir werden hören, was Liudger uns zu sagen hat. Er wird an der heiligen Stätte, der Alstätte, zu den Menschen sprechen“, hatte Helgards Vater gesagt und seine Familie mit dort hingenommen. Liudger hatte den Menschen von dem Gott der Christen erzählt, von der Liebe dieses Gottes zu den Menschen. Er sprach kraftvoll, überzeugend und begeisternd. Es gab keine Drohungen, keinen Zwang zur Taufe, keine Androhung von Tod und Schrecken. Als Bote des Friedens verkündete er die Lehre der Liebe und der Friedfertigkeit. Das war neu, das war überwältigend und passte nicht zu dem, was man von den grausamen Feldzügen gegen die Sachsen wusste. Von Massentaufen hielt Liudger nicht viel.
„Vor der Taufe“, erklärte er immer wieder, „soll es ein Kennenlernen geben, eine Unterweisung zur Verinnerlichung der Inhalte. Ich verkündige euch Christus“, hatte er hinzugefügt, „entscheiden müsst ihr, ob ihr ihm und seiner Lehre angehören wollt“. 
Helgard schnappte eine Bemerkung eines Mönchs auf, der in ihrer Nähe stand:
„Solche Töne würden dem großen Karl gar nicht gefallen, hoffentlich wird Liudgers Mut nicht bestraft“, murmelte er besorgt. Dieser Mönch war auch jetzt bei Liudger. 
„Können wir weiter nach Billurbecci reisen, oder sollen wir auf dem Hof dort drüben eine Unterkunft suchen“, fragte er.
Helgard erkannte ihn nun auch an der Stimme.
Liudger schüttelte den Kopf. „Es geht schon wieder“. Dabei erhob er sich mühsam und die Männer machten sich auf den Weg. 
Helgard schlüpfte aus ihrem Versteck und folgte ihnen mit sicherem Abstand. Die Sonne schien bereits warm für einen Tag im März, als die Wanderer das Städtchen erreichten. 
Erstaunt sah sie, dass die Gruppe in das Haus ihrer Familie am Markt einkehrte. Schnell schlüpfte sie mit hinein, viel-leicht bliebe ihr auf diese Weise ein Donnerwetter erspart.
Der Vater hatte offensichtlich Nachricht von dem bevorstehenden Besuch bekommen und begrüßte den Bischof, dem es augenscheinlich nicht gut ging. Schnell holte jemand einen Stuhl herbei, auf den sich der Bischof erschöpft niederließ. Das Essen, das man ihm zur Stärkung anbot, lehnte er ab.
„Nur einen Augenblick ausruhen, dann werde ich in der Nikolauskirche die Messe feiern“. Die Anwesenden zogen sich in großer Sorge still zurück.
Kurz vor neun Uhr erhob sich der Bischof und ging mit den Gefährten in die Kirche hinüber. Viele Gläubige waren gekommen.
„Dass der Bischof selbst in Billurbecci die Messe liest, kommt ja nicht alle Tage vor“, hatte Helgards Mutter gemeint. 
Bodo und Bruno durften als Messdiener dabei sein, was sie sichtlich stolz machte. Helgard und die Mutter saßen in den Bänken der Kirche. Adelheid hatte versprochen, eine Lagerstatt für den kranken Bischof in der Stube herzurichten. Angewärmte Ziegelsteine würden die Bettstatt schön warm halten, so könne der Bischof sich erholen und hoffentlich wieder genesen.
Helgard war unkonzentriert gewesen und in Gedanken bei der vergangenen Nacht, dem Morgen und dem Lichtbesuch. Sie bekam von der Predigt nicht viel mit.
„Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, bleibt nicht in der Finsternis, sondern er wird das Licht des Lebens haben …“. Beim Verlesen des Evangeliums hatte sie an dieser Stelle aufgehorcht, darauf hatte sich der Bischof nun in der Predigt bezogen. Und wieder horchte sie auf.
„Finsternis und Dunkelheiten“, sprach der Bischof, „sind nicht gottgewollt. Christus ist und bringt das Licht, das uns erwärmt. Nehmt es an und lasst seine Wärme auch den Mitmenschen zuteilwerden“.
Wie ein Vermächtnis klangen die Worte in Helgards Ohren. 
Sie war dem Licht begegnet. War es überhaupt das Licht, von dem Liudger gesprochen hatte? Sie wusste es nicht. Inzwischen war die Kirche erfüllt von den lateinischen Gebeten und Gesängen. Helgard hing ihren Gedanken nach. Erst beim feierlichen Schlusssegen und dem Ite missa est merkte sie auf. Den Auszug führten Bodo und Bruno an. Bodo trug ein Kreuz aus schlichtem Eichenholz und Bruno hielt eine kleine Fackel, die den Weg erhellte. Es folgten die Messdiener, die Mönche und Gefährten und schließlich der Bischof selbst, der von beiden Seiten behutsam gestützt wurde. Nun konnte es jeder sehen, Bischof Liudger war am Ende seiner Kräfte.
Helgard rannte ins Haus, riss die Tür auf.
„Adelheid, ist alles vorbereitet? Gleich wird Bischof Liudger hier sein“. Sie griff einen Lehnstuhl und schleppte ihn zur Kirche. Liudgers Gefährten halfen ihm, sich hineinzusetzen, dann trugen sie den Bischof ins Haus. 
„Ausruhen, nur ein wenig ausruhen möchte ich mich. Ich bin so müde und mir ist kalt“, vernahm man seine schwache Stimme. Die Gefährten betteten ihn in die angewärmte Liegestatt. Still versammelten sich die Mönche um Liudger, der eingeschlafen war. 
Bleich, von den Strapazen der Reise und des Lebens gezeichnet, lag er auf dem Lager. Sein Atem wurde unruhig. „Ich kann euch nicht sehen“, brachte er mühsam hervor. „Wo ist der Junge mit der Fackel? Licht …, Finsternis …, Licht …, Wärme …“, stieß er nach Atem ringend hervor.
Man hatte nach Bruno geschickt, der vorsichtig mit der Fackel an das Krankenlager trat. 
Der Bischof lächelte. „Lichtträger“, sagte er leise und sah in die Runde, „Lichtträger sollt ihr alle sein“. Er schloss die Augen.
Die bewegten Gesichter um ihn herum nahm er nicht mehr wahr.