Impulse zum Sonntag

Karfreitag

Ein Impuls von Diakon Thorsten Wellenkötter.

Wir finden es hier im Münsterland an vielen Weggabelungen und Bauernhöfen, leider auch an vielen Straßenrändern in Erinnerung an einen Verkehrstoten, viele von uns tragen es als Schmuckstück um ihren Hals oder haben es in ihren Wohnungen und Häusern bewusst aufgehängt:

das Kreuz!

Das Kreuz,

das Symbol des Kar-Freitages und des Christentums überhaupt.

Dabei war es den ersten Christen damals fremd, sich über das Symbol des Kreuzes zu verstehen. Sie wählten eher das Geheim-Zeichen des Fisches, des Ichtys, wie wir es in heutiger Zeit wieder entdeckt haben und es mittlerweile erfreulicher Weise so manches Auto ziert.

War den ersten Christen das Kreuz doch zu nahe an dem, was sie leider all zu häufig in der Realität erleben mussten:

schuldige, aber auch viel zu oft unschuldige Menschen wurden an Kreuzen grausam hingerichtet.

Verständlich, dass sie von diesem barbarischen  Zeichen zunächst Abstand nahmen.

Erst Mitte des 5. Jahrhunderts wurde das Kreuz als offizielles christliches Zeichen überhaupt eingeführt.

In heutiger Zeit ist die Diskussion ja wieder neu entbrannt.

Hat das Kreuz, das Hinrichtungswerkzeug Jesu, in unserer Zeit noch seinen Platz? Ja kann man es Erwachsenen und Kindern heute noch zumuten einen gekreuzigten Mann überhaupt noch überall ansehen zu müssen?

Ich will die Diskussion nicht vorschnell als das Gerede von Unchristen abtun. Denn während ich mich auf die Worte für den heutigen Tag vorbereitet habe, fiel mein Blick direkt aus meinem  Büro am Johannikirchplatz auf die dortige Kreuzigungsgruppe am Kirchturm.

Was mögen Menschen denken,

die nicht wie wir im Christentum aufgewachsen sind und für die der Anblick von Kreuzen nicht seit Kindheit zum Alltag dazu gehört?

Andreas Knapp, ein geistlicher Autor aus Leipzig, hat mir im Blick auf das Kreuz eine erfreuliche neue Sicht eröffnet.

Er sagt:

„Vermutlich ist das Kreuz das erste große Denkmal in der Geschichte, mit dem an ein Opfer erinnert wird. Bis dahin hatte es nur Triumphbögen und Denkmäler von Siegern und großen Königen gegeben, die zumeist die Geschichte zu ihren Gunsten auslegten.“

Das Kreuz ein Erinnerungsmal der Opfer!

Ja, als ich vor einiger Zeit auf dem Kriegsgräberfriedhof in Verdun in Frankreich war, wo zur Zeit des ersten Weltkrieges tausende von Franzosen und Deutschen gefallen sind, da wurde mir dies sehr augenscheinlich klar. Ein riesiges Feld von Kreuzen - sicher kennen Sie dieses oder ähnliche Bilder.

Hinter jedem Kreuz ein Menschenleben, das auf dem - aus heutiger Perspektive - sinnlosen Kriegsfeld endete.

Das Kreuz ein Erinnerungsmal der Opfer!

Mit Jesu Kreuz ändert sich die Perspektive der Menschheitsgeschichte. Sie wird nun auch aus dem Blickwinkel der Geschundenen, der Unterdrückten, der Verlierer gesehen. Es ist nicht mehr so, dass automatisch die Siegerpose triumphiert.

Dafür steht das Kreuz Jesu ein:

Niemand, der jämmerlich zu Grunde geht, geht verloren, wenn selbst unser Gott in Jesus am Kreuz jämmerlich zu Grunde gegangen ist. Diese Schwäche macht Gott groß! 

Durch das Tragen und Aufstellen von Kreuzen solidarisieren wir uns mit den Opfern menschlicher Gewalt und der Unterdrückung. Wir Christen tun dies, weil wir eine Perspektive haben, nämlich auf den kommenden Sonntag, auf Ostern!

Das macht Leid und Gewalt nicht ungeschehen, aber er-träglicher.

So öffnet das Kreuz für uns Christen den Blick auf Ostern.

In diesem Blickwinkel wird aus dem Folterwerkzeug ein Hoffnungszeichen. Denn das letzte Wort haben dann nicht Gewalt, Terror, Hass und all die leidvollen Kreuze dieser Welt, sondern das Leben!